Flüsse und Seen sind Müllkippen

In Schweizer Gewässern schwimmt laut einer Studie viel mehr Plastik als gedacht. Hat die vermeintlich saubere Schweiz ein Abfallproblem?

In der Schweiz ist alles blitzblank. Die Strassen sind gewischt, der Abfall wird recycelt und die Flüsse und Seen sind so sauber, dass man aus ihnen trinken könnte. Dass dieses Bild der Schweiz nichts mehr mit der Realität zu tun hat, zeigt die grosse Plastik-Studie «Swiss Litter Report», die zwischen April und Dezember 2017 durchgeführt wurde.

120 Freiwillige haben an über 90 Standorten an Schweizer Gewässern knapp 80’000 Abfallgegenstände eingesammelt, kategorisiert und entsorgt. Der Verein Stoppp (Stop Plastic Pollution Switzerland), der hinter der Studie steht, kommt zu einem ernüchternden Schluss: «Unsere Flüsse und Seen sind regelrechte Müllkippen.»

 

Zigarettenfilter als Problem

Wie die Studie zeigt, ist Plastik das mit Abstand am häufigsten gefundene Material: Über 62 Prozent der Abfälle in den Gewässern waren Kunststoffe. Schuld daran seien mitunter die unzähligen Zigarettenstummel, die achtlos auf den Boden geworfen werden, schreibt Stoppp. «Ein einziger Zigarettenfilter kann 7,5 Liter Wasser für Lebewesen unbelebbar machen.» Viele Raucher wüssten nicht, dass Zigarettenfilter aus einem Kunststoff bestehen, der Jahre braucht, um sich abzubauen.

«Heutzutage haben viele Schweizer das Gefühl, ihr Abfall werde sowieso weggeräumt», sagt Gabriele Kull, Pressesprecherin bei Stoppp. Das liege nicht an einem geänderten kulturellen Verständnis, sondern sei ein grundlegendes Mentalitätsproblem der Wegwerfgesellschaft. Bisherige Lösungsvorschläge aus der Politik seien reine Symptombekämpfung, sagt Kull. «Reduktionsziele für Plastik-Einwegprodukte in der Schweiz sind bitter nötig.»

Bevölkerung auf Problem sensibilisieren

«Ein Grund für Littering ist die Zunahme der Mobilität und des Unterwegskonsums, wodurch vermehrt Einwegverpackungen zum Einsatz kommen», sagt auch Nora Steimer, Mediensprecherin der IG saubere Umwelt (IGSU). «Ein zunehmend respekt- und achtloser Umgang mit der Umgebung ist einer der Gründe für Littering», sagt sie. Die meisten Leute würden ihren Abfall zwar korrekt und nicht im öffentlichen Raum entsorgen. Dennoch sei es wichtig, die Bevölkerung auf das Problem zu sensibilisieren.

«Plastikmüll ist über Hunderte von Jahren nicht abbaubar und darum äusserst schädlich für Tiere und die Umwelt», sagt Silvia Frey, Leiterin Wissenschaft und Bildung bei OceanCare. Plastik werde zur Falle für die Tiere, die dann in ihrer Nahrungssuche oder Bewegung eingeschränkt werden und daran sterben können.

Aus Makro- entstehe Mikroplastik, wenn das Material spröde und kleiner werde. «Ist das Mikroplastik einmal im Gewässer, gibt es keine Möglichkeit mehr, es herauszufiltern», sagt Frey. Darum sei es so wichtig, Plastik an der Quelle zu reduzieren. Eine einfache Möglichkeit habe das Parlament letztes Jahr verpasst, als es Mikroplastik in Kosmetika nicht verbieten wollte. Eine verpasste Chance, so Frey.

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